ReLiFe Dürrenmatts "Physiker" ver-rückt: mit einer bestmöglichen Wendung!: ReLiFe 2014

ja, uns Patientinnen und Patienten ging es am Donnerstagabend, 10.07.2014, gut in der Villa des Irrenhauses "Les Cerisiers". Sofort fühlten wir uns nach dem Eintritt dort wohl, denn wir wurden freundlich begrüßt, sofort wurde uns per Flyer das Team des Hauses (die Mitwirkenden des Programms) und unser Therapieplan (der Programmablauf) überreicht. Und überhaupt: Getränke und kleine Snacks wurden angeboten, sogar alkoholische Getränke waren erlaubt. Ungewöhnlich für eine psychotherapeutische Einrichtung.

Das Ungewöhnliche nahm zu, zur Freude aller. War doch schon im Vorfeld die Neugier auf das diesjährige Literaturfest durch das Thema geweckt – Darbietung eines Bühnenstückes, was sich von den bisherigen Inhalten der Literaturfeste abhob. Die Neugier steigerte sich noch durch die Wahl des Stückes: Dürrenmatt "Die Physiker". So entstand vermutlich insgeheim bei vielen innerlich die Frage, was das denn mit einem Literatur f e s t zu tun habe.

Quod erit demonstrandum.

Es war nicht nur schlechthin eine sehr gute aktuelle Inszenierung des Dürrenmatt ́schen Stückes, sondern es war wahrlich ein Literaturfest der Superlative, was alle Mitwirkenden um den Grundkurs Deutsch gk 11/1 an diesem Abend boten. Angefangen mit den originellen Videoeinblendungen (Intro/ Technik: Benedikt Breuer/ Franziska Schützelt), z. B. die in verschiedenen Facetten auftauchende Frage "Verrückt?" und die Befragungen naturwissenschaftlicher Persönlichkeiten (Albert Einstein alias Jutta Eicke) sowie eines Physiklehrers des Gymnasiums (Herr Engelmann) zum Thema "Halten Sie sich für verrückt?" sowie zur Weltformel, über die selbst komponierte und auf der Gitarre vorgetragene Physik-Etüde (überzeugend wie immer Thomas Duesmann), den Besuch des Schweizer Kabarettisten Emil (in gewohnt gekonnter Parodie Raphael Nelkel), weiter eine gelungene Parodie zur Sendung "Wer wird Millionär?" mit der Millionenfrage (Marcel Schreiber als guter Imitator von Günter Jauch) an einen sächsischen Kandidaten (prima sächselnd: Alexander Dieffenbach) zu Dürrenmatts Groteske: "Wie endet Dürrenmatts Groteske  ́Die Physiker ́"?, wozu die möglichen Antworten A - D sehr originell in Szene gesetzt auch per Video eingeblendet werden, bis hin zum äußerst brillanten Spiel einer selbst verfassten Parallelgeschichte um drei in ein Sanatorium eingewiesene Musiker (Text : Clara Matthias, Emma Hochschild, Spiel: dieselben sowie Thomas Duesmann). Schon der eingeblendete Name des fiktiv gewählten Autors "Nasserglanz" zeigt, wie kreativ die Texter zu Werke gingen, ist er doch ein Antonym zu "Dürrenmatt"(dürr-matt/ nass-Glanz). Und der Dürrenmatt ́sche Stil wird auch weiter beibehalten: Cover des Textbuches - "Die Musiker". Gattung: Komödie. Getreu Dürrenmatt bleiben die Überraschungen nicht aus: Der dritte Musiker (Thomas Duesmann) hat sich in das Sanatorium einweisen lassen, um nicht mehr dem Druck irgendwelcher Mäzene ausgesetzt zu sein, nur kriegsverherrlichende Musik komponieren zu müssen. Die Szene schließt ein von allen drei Musikern live(!!!) gespieltes Terzett ab.

Chapeau!

Aber wie wird für den des Originalstückes nicht kundigen Zuschauer-Patienten die Handlung bei Dürrenmatt überhaupt verdeutlicht?

Hier kommen die "Gehilfen" des Grundkurses, die ehemaligen Reclamianer und auch jetzigen ReclamsClub-Akteure Moritz Wußing und Tom Schremmer zum Einsatz. Hier zeigen sie ihr Können, indem sie mittels Potpourris musikalisch die Inhalte der beiden Akte gekonnt witzig vermitteln. Da werden solche Kalauer-Melodien genutzt wie "Eine Seefahrt, die ist lustig,..." (hier dann: "Eine Anstalt mit drei Irren/ und  ́ner Oberärztin auch,/ mit viel Morden und Gesprächen, und der Weltformel darin/...") und auch bekannte Songs der "Lieblings"-Sänger der beiden: Herbert Grönemeyer und Udo Lindenberg. Wie immer: gekonnt zur Handlung passende Parodien, z. B. abgewandelt Texte aus "Mambo", "Ich lieb dich überhaupt nicht mehr",..., wenn es darum geht, wie man seine wildgewordene Ex-Frau (Möbius ́ Gattin Lina) wieder los wird. Kunst kommt von Können – die beiden k ö n n e n das und tragen damit dazu bei, dass das Groteske der Performance zum Showdown getrieben wird.

Wenn König Salomo, der angeblich die Geschicke der Anstaltsärztin Dr. Zahnd lenkt, leibhaftig in Form eines an einen Pharaonen erinnernden Königs erscheint, dann noch auf Arabisch ( Tamim Ahab) seine beschwörend-betörenden Worte (Kostüm und Maske verdienen ein Extra-Lob) spricht, dann muss vermutlich jeder Patient von "Les Cerisiers" aufpassen, dass er nicht seinem Zauber und der Betörung verfällt.

Ein absolutes Highlight dieser Performance ist die Inszenierung des so genannten Physiker-Gespräches aus dem 2. Akt. Hier wird am Text geblieben, hier erfährt der Zuschauer die Brisanz des Stückes, ohne Verfremdung, ohne Doppelbödigkeit, ohne Satire und Groteske. In ihm offenbart sich die Gefahr, die von der Entdeckung der furchtbaren Weltformel ausgeht. Auch der Schluss wird vom Ensemble so belassen wie bei Dürrenmatt: Alle drei Physiker stellen sich dem Publikum als Physiker vor, geben ihre Identität nicht preis, bekennen sich damit bewusst zum Irresein, um in der Anstalt bleiben zu müssen: "Ich bin Sir Isaac Newton."/ "Ich bin Professor Albert Einstein."/ "Ich bin Salomo,..ich bin der arme König Salomo."

Dürrenmatts Stück endet mit der schlimmstmöglichen Wendung, der Katastrophe: Frau Dr. Zahnd hat sich die Erfindungen kopiert. Sie ist die wahre Verrückte. So wird in den meisten Inszenierungen auch das Ende gestaltet.

Doch das Ensemble nutzt einen Kunstgriff (Idee: Felicitas Franz): Frau Dr. Zahnd greift hier in Form einer aufgeblasenen Gummi-Puppe in das Handlungsgeschehen ein, geführt von König Salomo. Dadurch wird eine besondere Darstellung ermöglicht: Die Handlung wird verfremdet und lässt damit verschiedene Projektionsflächen zu. Nur so, da die Puppe Phantasie ist, faktisch ohne Leben, kann sie auf das Klavier gelegt und ihr Leben ausgehaucht werden, indem der Stöpsel gezogen wird. Die Leiterin des Irrenhauses ist auf diese Weise vernichtet, sie kann die Weltformel nicht mehr zu ihren Zwecken einsetzen!

Das Gute siegt. Aus der "schlimmstmöglichen Wendung", die "durch Zufall" eintritt (s. Dürrenmatt: "21 Punkte zu den `Physikern`") ist die bestmögliche Wendung für die gesamte Menschheit geworden. Eine Hoffnung machende Sicht, die das Ensemble hier gewählt hat.

Bravourös.

Auch der im Stück bei Dürrenmatt so wichtige Symbolcharakter der Musik wird bei dieser Performance beachtet: So bieten Moritz Wußing und Etta (Violine, Gast) als krönenden Abschluss das Violinstück "Liebesleid" von Fritz Kreisler live dar, das im Original von Einstein gespielt wird.

Applaus brandet auf, Bravo-Rufe. Verdient. 17 Notenpunkte von 15! Eine tolle Ensembleleistung (künstlerische Unterstützung auch durch Louis Muth, LK 11) von einem hoch motivierten Ensemble, das war immer zu spüren.

Ich denke, der Nachweis ist erbracht worden. Es war ein grandioses Literatur f e s t.

Und das Telegramm, das Herr Dürrenmatt an den Telegrafenbeamten (s.o., Sketch von Emil) sandte, worum ging es da? Was wollte der Friedrich Dürrenmatt übermittelt haben?

Ach ja – einen Dank an Frau Eicke vom Reclam-Gymnasium für die Aufführung seiner "Physiker"!!!

Ich kann mich dem nur anschließen und ich glaube, viele andere Zuschauer-Patienten auch: Herzlichen Dank an Sie, liebe Frau Eicke, und Ihren Gk 11/1 samt Gästen für dieses gelungene Mammut-Projekt!

Dr. Marianne Fritz, Zuschauer-Patientin, nun erfolgreich therapiert;-)

Das ReLiFe 2013 ist Geschichte...

Für alle, die dabei waren als Erinnerung und für alle, die es verpasst haben, als Vorfreude auf nächstes Jahr...

Eindrücke vom ReclamLiteraturFest "Reclam macht blau"